Überwachungskapitalismus als Trend
10. Juli 2026Mit der Meta-KI-Brille „Starfire Kylie Edition“ soll eine problematische Technologie zu einem Lifestyle-Accessoire gemacht werden. Hightech und Mode sollen sich nahtlos und elegant verbinden lassen. Zeitschriften wie die Cosmopolitan machen mit: „Neue Gadgets, treuer Altagsbegleiter [sic] und ein fashion-Statement [sic] – die rede [sic] ist natürlich von den neuen AI-Brillen von Meta und dem neusten [sic] Modell von Kylie Jenner. […] Dass künstliche Intelligenz nicht unbedingt eine Bedrohung, sondern eine besondere Alltagshilfe oder ein cooles Gadget sein kann, wissen wir spätestens seit dem Launch der Brillen von Meta. […] Nun dominieren die neuesten, stylischen Modelle den Technik- und Modemarkt – vor allem der ovale und schlanke Brillenrahmen aus der Zusammenarbeit zwischen Meta und Insta-Ikone Kylie Jenner. Hier treffen Trend und Technik perfekt aufeinander.“ 1
Die Cosmopolitan kann die stylische Zukunft der Überwachung offenbar kaum erwarten – durch den ovalen Brillenrahmen und Kylies Stimme, die beim Tragen zu einem spricht, findet die Redaktion nun, dass KI gar nicht mehr so bedrohlich ist, wie sie angenommen hatte.
Meta lässt die neue KI-Brille werbewirksam von Kylie Jenner bewerben. Warum?
Schauen wir zunächst, wer eigentlich Brillen nutzt, mit denen man andere Menschen unbemerkt filmen und fotografieren kann. Die offensichtliche Antwort lautet: vor allem Menschen, die genau das tun wollen.
Die Sonne scheint, neue Hitzerekorde werden geknackt, die Menschen suchen Zuflucht am See oder im Freibad. Gerade für Frauen bedeutet das nicht nur Abkühlung, sondern auch das Risiko, in Bademode von fremden Männern mit Brillen gefilmt und belauscht zu werden. Der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit berichtet, dass er „immer wieder Hinweise insbesondere von Frauen, die heimlich gefilmt oder fotografiert werden [erhält]. Dies geschieht nicht nur durch Mobiltelefone, sondern auch durch neue Geräte.“ Durch die integrierte Kamera- und Videofunktion ermöglichen „Smart Glasses“ besonders unauffällige Aufnahmen. Schnell wird aus dem Risiko ein Schaden, wenn die aufgenommenen Fotos und Filme anschließend über soziale Medien verbreitet werden.
Früher war Fotografieren noch sichtbar. Bei analogen Kameras musste man die Kamera in die Hand nehmen, man hörte das Klicken des Auslösers. Jede*r wusste: Jetzt wird ein Foto gemacht. Mit Smartphones ist es deutlich einfacher, unbemerkt Aufnahmen zu erstellen. Wer heimlich filmen oder fotografieren will, muss das Handy nur geschickt halten. Mit Kamerabrillen fällt selbst diese Hürde weg.
Für die Betroffenen wird es immer schwieriger zu erkennen, ob sie gerade aufgenommen werden. Bei Kameras und Handys gab es noch eine Chance, dies zu bemerken. Kamerabrillen sind praktisch gar nicht mehr zu erkennen.
Wie sollen Betroffene damit umgehen, dass sie überhaupt nicht mehr erkennen können, dass sie gerade gefilmt werden? Wie sollen sie wissen, dass Aufnahmen von ihnen existieren? Dass möglicherweise gegen ihr Recht am eigenen Bild oder Datenschutzbestimmungen verstoßen wurde? Wahrscheinlich werden sie diese Aufnahmen niemals zu Gesicht bekommen. Stattdessen landen sie in irgendwelchen Chats oder auf den Geräten fremder Menschen.
Genau in diesem Moment entscheidet sich Meta für eine Kylie-Jenner-Edition – inklusive eines KI-Chatbots mit ihrer Stimme, der mit den Nutzenden spricht, während sie die Brille tragen. Was könnten die Gründe sein?
Unternehmen wollen wachsen und ihre Zielgruppe erweitern. Bislang ziehen solche Brillen aber vermutlich überwiegend Männer an, wie die Tagesschau berichtet. Belastbare Studien haben wir nicht gefunden. Der Bitkom hat für Deutschland 2025 untersuchen lassen, wie viele Menschen bereit wären, „Smart Glasses“ zu tragen. 55 % der Befragten lehnten dies ab. Zeit, unerschlossene und ablehnende Zielgruppen durch ein Fashion- und Lifestyle-Produkt anzulocken. Kylie Jenner verkauft nicht einfach nur eine Brille. Sie macht sie begehrenswert. Sie sorgt dafür, dass ein Produkt, das bei vielen zunächst Unbehagen auslöst, plötzlich wie ein modisches Lifestyle-Accessoire wirkt.
Gewinner und Verlierer
Für Meta und für Kylie ist das ein Gewinn. Für Menschen, die andere unbemerkt filmen möchten, ebenfalls.
Die großen Verlierer*innen sind Frauen, queere Menschen und Kinder, die ohnehin überdurchschnittlich häufig von digitaler Gewalt wie z. B. heimlichen Aufnahmen, Belästigung und Stalking betroffen sind.
Sie verlieren ein weiteres Stück Privatsphäre bzw. ihre Unbeobachtetheit im öffentlichen Raum. Denn wenn Kameras unsichtbar werden, geht nicht nur die Freiheit verloren, sich unbehelligt zu bewegen. Es verschwindet auch die Möglichkeit, sich einer Aufnahme bewusst zu entziehen. Dadurch entsteht ein doppelter Eingriff: Zum einen wird die Erwartung durchbrochen, nicht ungefragt von Dritten fotografiert oder gefilmt zu werden. Zum anderen wird die informationelle Integrität der betroffenen Person beeinträchtigt, weil sie keine Möglichkeit mehr hat, die Erhebung ihrer Daten wahrzunehmen oder ihr auszuweichen. Sie muss privat wie öffentlich damit rechnen, aufgenommen und beobachtet zu werden.
Die Tagesschau berichtete nun von Fällen, in denen vor allem Frauen zunehmend heimlich gefilmt und die Aufnahmen anschließend über soziale Medien wie TikTok oder Instagram verbreitet werden. Besonders „Pickup-Artists“ oder Dating-Coaches veröffentlichen solche Videos, in denen Frauen in alltäglichen Situationen ohne ihr Wissen gefilmt werden.
Der Beitrag schildert unter anderem die Fälle von zwei Betroffenen, von denen Aufnahmen im Internet veröffentlicht wurden. Beide Frauen berichten von einem erheblichen Kontrollverlust und dem Gefühl, einer öffentlichen Bewertung ihrer Person ausgeliefert zu sein.
Die Kölner Jura-Professorin Indra Spiecker gen. Döhmann sieht eine erhebliche Gesetzeslücke im Strafrecht. Zwar sei heimliches Filmen grundsätzlich verboten, in vielen Fällen jedoch nicht strafbar, weil der Straftatbestand bislang meist nur greife, wenn Aufnahmen in besonders geschützten Räumen entstehen. Öffentliche Orte fielen häufig nicht darunter. Betroffene müssten deshalb oft auf eigene Kosten zivilrechtlich gegen die Veröffentlichung vorgehen, was laut Spiecker gen. Döhmann für viele eine hohe finanzielle und emotionale Belastung darstelle.
Auch den Gesetzentwurf aus dem Bundesjustizministerium zum besseren Schutz vor digitaler Gewalt bewertet Spiecker gen. Döhmann laut Tagesschau als nicht ausreichend. Zwar würden heimliche Aufnahmen in Saunen künftig unter Strafe gestellt, insgesamt sei das Gesetz jedoch „zu speziell“. Problematisch sei die Formulierung, wonach Aufnahmen nur dann strafbar seien, wenn sie in „sexuell bestimmter Weise“ erfolgen. Dieser Begriff lasse erheblichen Interpretationsspielraum. Ob beispielsweise heimliche Aufnahmen einer Frau im Bikini darunterfielen, sei juristisch umstritten. Deshalb bezweifelt Spiecker gen. Döhmann, dass die geplanten Regelungen Betroffenen tatsächlich spürbar mehr Schutz bieten werden.
Strafrechtliche Relevanz
Neben dem Bild- und Videomaterial zeichnen die Brillen auch Audio auf. Ohne Einwilligung ist das nichtöffentlich gesprochene Wort unzulässig. Die Privatsphäre wird durch § 201 StGB geschützt. Aufzeichnungen mit der Brille in privaten Räumen sind daher unzulässig. Das öffentlich gesprochene Wort wird von der Regelung nicht erfasst. Dieser Bereich bleibt ungeschützt und es entsteht ein Graubereich, denn nicht jedes im öffentlichen Raum gesprochenes Wort ist für die breite Öffentlichkeit bestimmt. Die BfDI betont, dass die rechtliche Bewertung sich nicht ändert, nur weil die Technik unauffälliger wird; vielmehr verschärft die Unauffälligkeit die Durchsetzbarkeit von Schutzrechten und die praktische Kontrollmöglichkeit Betroffener. Die Kombinierbarkeit von Bild, Ton und KI-Funktionen stellt eine weitere Herausforderung für den Grundrechtsschutz der Betroffenen dar.
Wo geht die Reise hin?
Die Brillen sind nicht nur für Spanner ideal, sondern auch für Kontrolle und Überwachung durch Staat sowie Privatunternehmen. Heise berichtete bereits im Mai 2026, dass die chinesische Polizei in Tianjin KI-Brillen mit Gesichtserkennung nutze. Die „Smart Glasses“ ermöglichen es Beamten, Personen, Fahrzeuge und Kennzeichen in Echtzeit zu erkennen und mit Datenbanken abzugleichen. Die Technologie ist Teil des chinesischen Konzepts des „Smart Policing“, das Sicherheitsbehörden mithilfe moderner Technik effizienter machen soll.
Aus einem Artikel des Standard geht zudem hervor, dass das US-Heimatschutzministerium die Einwanderungsbehörde ICE mit „Smart Glasses“ ausstatten möchte. Für das Projekt seien laut Budgetentwurf 7,5 Millionen US-Dollar vorgesehen. Die Brillen sollen auf handelsüblichen Modellen basieren und mithilfe von Gesichts- sowie Gangerkennung irreguläre Migrant*innen automatisch identifizieren können. Der Einsatz ist ab Herbst 2027 geplant.
1 Bartels, V. (29.06.2026). Fashion & Funktion: Kylie Jenner und Meta setzen ein modisches Statement mit neuen AI-Glasses. Cosmopolitan.