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Inhalt

Laudatio auf den Preisträger des Journalistenpreises der Stiftung Datenschutz 2019

Schrecksekunde, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Stellen Sie sich bitte einen Moment lang vor, der Datenschutz würde nicht mehr gelten. Alle Gesetze ausgehebelt. Alle ethischen Regeln über Bord geworfen. Einige von Ihnen denken jetzt vielleicht daran, wie die großen Tech-Konzerne jede noch so kleine digitale Bewegung von uns „tracken“, um unsere Konsumwilligkeit zu steuern und unsere Zahlungsfähigkeit zu überprüfen. Ansätze in Richtung dieses „Datenabgreif-Kapitalismus“ sind in der Realität sicher vorhanden.

Das war Variante 1. Variante 2: Der „Totalüberwacher-Staat.“ Denn bei wieder anderen unter Ihnen mag gerade im ganz persönlichen Kopfkino ein Horrorfilm ablaufen, in dem ein diktatorischer Staat mit Hilfe einer absolutistischen Datenherrschaft seine Bürger bis in die Privatsphäre hinein bespitzelt und unterdrückt. Was vor ein paar Jahren noch nach George Orwell oder Matrix-Verschwörung klang, ist heute längst Realität geworden. Und zwar in China. 

Dabei reden wir nicht über das digitale Social Scoring, welches das Regime derzeit aufbaut. Also ein Punktesystem, das das Sozialverhalten aller chinesischen Bürger entweder süß belohnt oder bitterböse sanktioniert. Wir reden dabei von dem totalitären Überwachungs- und Unterdrückungssystem in Xinjiang, dem eigentlich autonomen Gebiet im Nordwesten Chinas, in dem die Uiguren leben. Ein Turkvolk muslimischen Glaubens, das Peking zum „Sicherheitsrisiko“ deklariert hat und das angeblich ein „chinesisches Syrien“ hätte herbeiführen wollen.

Womit wir beim preisgekrönten Artikel wären. Bisher war bekannt, dass es über eintausend „Umerziehungslager“ in Xinjiang gibt, in dem bis zu eine Million Uiguren und Mitglieder anderer ethnischer Minderheiten inhaftiert sind. Unser Preisträger – er heißt übrigens Harald Maass – ist nicht als Journalist, sondern inkognito als Tourist für zwei Wochen in die Uiguren-Provinz gereist. Um herauszufinden, wie die Bürger, vor allem die zweiter Klasse, dort leben.

Sein erschütterndes Fazit: „Heute ist das Wüstengebiet, mehr als viermal so groß wie Deutschland, ein Experimentierfeld für Chinas Überwachungsstaat – technisch hochgerüstet wie kein anderer Ort der Welt. Eine Dystopie aus Hightech-Kontrollen und Polizeiwillkür. Ein Gebiet, in dem die Menschen rund um die Uhr vom Staat bespitzelt werden.“ 

Polizei und Geheimdienste scannen alle Nachrichten, Fotos und Anruflisten auf den Handys der Mitglieder dieser verdächtigen Volksgruppe. In einigen Regionen müssen sich die Menschen sogar zwangsweise die App „Sauberes Web“ auf ihr Smartphone laden. Sämtliche Orte werden von Kameras überwacht. Ärzte nehmen Genmaterial und Stimmproben der Diskriminierten.

Autor Harald Maass liefert mit seiner langen Reportage, die im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen ist, ein beklemmendes Protokoll über eine Horrorvision, die längst wahr geworden ist. Er bleibt im Ton stets sachlich, wird nie anklagend. Denn die Tatsachen sprechen für sich. Und die Aussagen seiner Gewährsleute sowieso: Menschen, die selbst schon einmal in einem Umerziehungslager waren, oder die Verwandte haben, die noch inhaftiert sind. Aber auch die Gegenseite kommt angemessen zu Wort.

Ausgiebige, tiefe Recherche vor Ort – bei einer Vielzahl von Quellen. Klare Struktur, eine Tonalität von schnörkelloser Eleganz sowie nicht zuletzt profunde Aussagen. In dieser Reise-Reportage der besonderen Art macht Autor Harald Maas in journalistisch meisterhafter Manier die Machtfülle anschaulich, die vor allem aus digitaler Überwachung resultiert. Die Kontrolle der Kommunikation schränkt die Grundrechte ein – Freiheit braucht Privatsphäre, lautet der Rückschluss.

Die Jury des Journalistenpreises Datenschutz war sich deshalb schnell einig, dass Harald Maass aufs Siegertreppchen gehört. Sie war sich aber auch darin einig, dass ein solcher Artikel nicht allein dazu dienen kann, mit dem Finger nur auf andere zu zeigen. Vielmehr sollten wir uns auch an die eigene Nase fassen. Wir alle, aber auch wir Journalisten und Medienmacher aus der Jury. Es fängt damit an, dass deutsche Medien Facebook-Trackingssysteme auf ihren Webseiten installieren, ohne dass es die Nutzer merken. Ist so etwas nur der Anfang?

Aber jetzt wollen wir erstmal ein bisschen feiern und den Preis übergeben an unseren Gewinner: Dr. Harald Maass mit seinem Artikel „Totale Kontrolle“, erschienen am 15. März 2019 im Magazin der Süddeutschen Zeitung.